Ins Gespräch kommen – Demokratischer Dialog in ländlichen Räumen

©Amadeu Antonio Stiftung

Ländliche Räume sind für viele Menschen ein Lebensort und Zuhause, bieten Erholung, Natur und Gemeinschaft. Man kennt sich auf dem Land, begegnet sich in Alltag und Freizeitgestaltung, im Vereinsleben oder im Dorfmarkt.

Ländliche Räume werden allerdings auch seit vielen Jahren von rechtsextremen Akteur*innen als Sehnsuchtsort und politisches Spielfeld verstanden. Pläne zur rechtsextremen Raumnahme, wie sie jüngst auch von der AfD in Rheinland-Pfalz in einem Strategiepapier vorgestellt wurden, reihen sich ein in eine lange Reihe von Versuchen, im ländlichen Raum Fuß zu fassen. Dabei legen rechtsextreme Kräfte eine Professionalität und Taktik an den Tag, die häufig unterschätzt wird.

In vielen Regionen stellen sich der rechtsextremen Raumnahme oft kleine Initiativen oder engagierte Einzelpersonen entgegen. Sie haben über die Jahre ein Know-how entwickelt, wie demokratische Kultur auch in ländlichen Regionen verteidigt werden kann. Was oft fehlt, ist eine überregionale Vernetzung mit Initiativen und Einzelpersonen in anderen ländlichen Regionen, die häufig vor sehr ähnlichen Herausforderungen stehen.

Solidarische Vernetzung und Austausch auf Augenhöhe

Deshalb hat das Kompetenzzentrum Rechtsextremismus & Demokratieschutz der Amadeu Antonio Stiftung letztes Jahr die AG Ländliche Räume ins Leben gerufen. Ziel ist es, einen bundesweiten Austausch über Herausforderungen, neue und alte Strategien der rechtsextremen Raumnahme, Erfahrungen von erfolgreichen und weniger erfolgreichen Gegenstrategien und Formaten zu ermöglichen. Seit Bestehen der AG ist die Teilnehmendenzahl kontinuierlich gewachsen, was auch den Bedarf nach einem solchen Austausch zeigt. Mit über 140 Teilnehmenden aus dem gesamten Bundesgebiet fand am 3. Juni 2026 das dritte AG-Treffen statt. Gemeinsam mit dem Politikberater Martin Rüttgers hat sich die AG mit der Frage beschäftigt, wie man in ländlichen Räumen besser in einen demokratischen Dialog treten kann und welche Formate für Engagement und Austausch sich in der Praxis bewährt haben.

In der Diskussion haben sich viele Herausforderungen für demokratisches Engagement gezeigt. Die im ganzen Bundesgebiet anhaltenden Wahlerfolge rechtsextremer Parteien wie der AfD, aber auch Aktivitäten von kleineren Parteien wie der „Heimat“ oder den „Freien Sachsen“, lösen bei vielen Engagierten vor Ort nicht nur Sorge um die Demokratie aus. Häufig gehen diese Entwicklungen mit einer zunehmenden Einschüchterung und Angriffen gegen Engagierte, Vereine oder Räumlichkeiten einher. Das wirkt abschreckend für Engagierte und die, die eigentlich gerne selbst aktiv werden würden. Neue Menschen für demokratisches Engagement zu gewinnen, wird an vielen Orten immer schwieriger.

Demokratisches Engagement unter Druck

Die gewaltvolle Drohkulisse rechtsextremer Akteur*innen ist jedoch nicht das einzige Problem: Vielerorts wird der Einsatz für Demokratie und Menschenrechte als linksextrem diffamiert. Auf kommunaler Ebene, wo Mittel ohnehin meist knapp sind, wird dann an wichtigen Stellen eingespart oder gekürzt. Auch die Zivilgesellschaft wird dabei empfindlich getroffen. Wenn wichtige Strukturen wie „Partnerschaften für Demokratie“ von Kommunen nicht mitgetragen werden, drohen lokale Netzwerke und Initiativen zusammenzubrechen und handlungsunfähig zu werden. Die daraus resultierende Lücke bietet rechtsextremen Kräften die Möglichkeit, ihre eigenen Angebote und Formate weiter in die Gesellschaft zu tragen. Um dem entgegenzuwirken, braucht es alternative Finanzierungsmöglichkeiten. Regionale Unternehmen, (Bürger-)Stiftungen oder auch solidarische Netzwerke können dabei helfen, die Handlungsfähigkeit der Zivilgesellschaft aufrechtzuerhalten.

Erfahrungswerte und Empfehlungen aus der Zivilgesellschaft

Neben all diesen und weiteren Hürden für das Engagement im ländlichen Raum wurden jedoch auch viele Beispiele für gelingendes Engagement gesammelt. Hier sind drei der wichtigsten Erfahrungswerte:

  1. Niedrigschwellige Formate planen und Räume für Begegnung öffnen: Flohmärkte, Pflanzentauschbörsen, Open-Air-Kinos – durch solche offenen Formate kann man es schaffen, unterschiedliche Personengruppen anzusprechen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Auch erprobte Konzepte wie die Dorfgespräche zielen in erster Linie darauf ab, einen Raum zu schaffen, an dem die Dorfgemeinschaft zusammenkommt. Die Themen ergeben sich dann aus dem Gespräch und werden nicht im Vorfeld gesetzt.
  2. Ins Machen kommen und gemeinsame Aktionen umsetzen: Tun, statt diskutieren – durch gemeinsame Aktionen wird das Gemeinschaftsgefühl gestärkt und Selbstwirksamkeit vermittelt. Gleichzeitig können dadurch auch Räume für Diskussion und Aufklärung entstehen, wie ein Beispiel aus Rheinland-Pfalz zeigt: Mit Unterstützung der lokalen „Partnerschaft für Demokratie“ in Birkenfeld wurde eine Baumallee mit dem „Korbiniansapfel“ angepflanzt – die Apfelsorte ist nach dem Pfarrer Korbinian Aigner benannt, der im dritten Reich verfolgt wurde und die Apfelsorte im KZ in Dachau gezüchtet hat. Durch die Pflanzung eines lebendigen Denkmals in Form von Apfelbäumen werden neue Möglichkeiten geschaffen, miteinander ins Gespräch über die NS-Zeit zu kommen und für die Schicksale der Betroffenen des nationalsozialistischen Regimes zu sensibilisieren.
  3. Solidarische Netzwerke aufbauen und pflegen: Eine klare Positionierung und Haltung einzunehmen erfordert Mut – besonders in ländlichen Regionen, in denen man sich teilweise schon Jahre kennt und Anonymität nicht gegeben ist. An vielen Orten bedeutet demokratisches Engagement, sich in einen Konflikt mit Nachbar*innen, Vereinskolleg*innen und Teilen der Dorfgemeinschaft zu begeben. Um dieses Engagement aufrechterhalten zu können, ist es wichtig, nach Verbündeten zu suchen – bei sich vor Ort, aber auch überregional. So entstehen nicht nur neue Ideen für Engagement, sondern das solidarische Miteinander schafft auch Sicherheit und Resilienz für das eigene Engagement.

Save the Date: 25. August 2026

Wenn auch du auf der Suche nach Gleichgesinnten bist, solidarische Netzwerke aufbauen möchtest und an einem Austausch interessiert bist, dann könnte die AG Ländliche Räume für dich genau das Richtige sein. Unsere nächste Sitzung findet am 25. August 2026 von 16.00-18.00 Uhr statt. Als Thema haben wir uns auf den Umgang mit rechtsextremer Ideologie im Alltag verständigt.

Wenn du interessiert bist, kannst du dich unter diesem Link zur Veranstaltung anmelden. Wenn du Fragen hast, melde dich gerne per E-Mail an hannes.mueller@amadeu-antonio-stiftung.de.

Amadeu Antonio Stiftung | 6. Juli 2026